Warum die Route sich ändert — und warum das gut ist
Törns werden mit einer groben Route ausgeschrieben, weil man ja irgendetwas schreiben muss. Aber jeder erfahrene Skipper wird sie ändern, sobald das Wetter es nahelegt. Ein Ziel, das man nur gegen fünf Stunden Kreuzen bei sechs Windstärken erreicht, ist kein Ziel, sondern eine Strafarbeit — und die Bucht dreißig Meilen in der anderen Richtung ist bei ablandigem Wind an dem Tag oft die schönere.
Der häufigste Ärger an Bord entsteht genau hier: Jemand hat sich auf einen bestimmten Ort gefreut und ist enttäuscht, wenn es anders kommt. Wer aber versteht, wie ein Skipper entscheidet, sieht darin keine abgesagte Sehenswürdigkeit, sondern eine gute Woche. Segeln ist die einzige Reiseform, bei der das Ziel des Tages morgens beim Kaffee entschieden wird.
Wenn dir ein bestimmter Ort wirklich wichtig ist, sag das am ersten Abend, nicht am fünften Tag. Dann kann der Skipper die Woche darum herum planen — und dir ehrlich sagen, ob es realistisch ist.
Die einzige Entscheidung, die an Bord nie diskutiert wird, ist „wir bleiben heute im Hafen". Wenn ein Skipper das sagt, hat er einen Grund, und der ist immer besser als der Wunsch, weiterzukommen.
Die Winde, die du im Mittelmeer kennenlernst
Jedes Revier hat seine eigenen Winde, und sie haben Namen, weil sie sich zuverlässig gleich verhalten. Wer die vier, fünf wichtigsten kennt, versteht schon fast, was der Skipper am Morgen aus dem Wetterbericht liest.
| Name | Wo & aus welcher Richtung | Was er bedeutet |
|---|---|---|
| Maestral | Adria, Nordwest, nachmittags | Der Lieblingswind: thermisch, 3–4 Bft, verlässlich, abends flau |
| Bora | Adria, Nordost, Fallwind vom Gebirge | Kalt, extrem böig, kann sehr stark werden — Hafentag |
| Jugo / Scirocco | Adria & Mittelmeer, Südost | Warm und feucht, baut langsam auf, hält lange, macht Welle |
| Meltemi | Ägäis, Nord bis Nordost, Juli–August | Kann tagelang mit 5–7 Bft durchwehen — prägt den Sommertörn |
| Mistral | Golfe du Lion & Provence, Nordwest | Kalt und trocken durchs Rhônetal, oft plötzlich und kräftig |
- Die Bora kündigt sich in Kroatien oft optisch an: eine Wolkenkappe, die auf den Bergen des Velebit liegt und über den Kamm quillt. Wenn dein Skipper morgens lange die Berge anschaut, weißt du jetzt, warum.
- Der Meltemi ist kein schlechtes Wetter — der Himmel ist dabei meist strahlend blau. Er ist einfach viel Wind, und in der Ägäis plant man den Sommertörn um ihn herum statt gegen ihn.
Wer es meteorologisch genauer wissen will: ESYS, das seit 1996 gepflegte europäische Segel-Informationssystem, hat zu jedem dieser Winde eine eigene Seite mit Entstehung, Verbreitung und Vorhersagbarkeit. Wir erklären hier, was ein Wind für deine Woche bedeutet — dort steht, warum er entsteht.
Beaufort — was die Zahlen wirklich heißen
Windstärken werden in Beaufort angegeben, und die Skala ist nicht linear: Von 4 auf 6 verdoppelt sich nicht der Wind, sondern der Druck im Segel vervierfacht sich ungefähr. Deshalb ist der Unterschied zwischen „vier Windstärken" und „sechs Windstärken" an Bord riesig, obwohl er auf dem Papier klein aussieht.
| Bft | Knoten | An Bord |
|---|---|---|
| 0–1 | 0–3 | Flaute. Das Segel schlägt, der Motor läuft, alle baden |
| 2–3 | 4–10 | Leichter Wind, ruhiges Segeln, kaum Krängung |
| 4 | 11–16 | Das schönste Segeln: zügig, spürbar, entspannt |
| 5 | 17–21 | Frische Brise, meist das erste Reff, das Boot legt sich merklich |
| 6 | 22–27 | Starkwind. Gerefft, nass, für Einsteiger anstrengend |
| 7+ | 28+ | Für die meisten Kojencharter-Törns ein Hafentag |
- Für ein Gefühl reicht eine Faustregel: Bft × 2 ergibt ungefähr die Knoten in der Mitte der Stufe. 4 Bft ≈ 13 Knoten, 6 Bft ≈ 24 Knoten.
Krängung — die Schräglage des Bootes — sieht dramatischer aus, als sie ist. Ein Kielboot kann nicht umkippen: Unter dem Rumpf hängen mehrere Tonnen Ballast, die es immer wieder aufrichten. Beim ersten Mal glaubt man das nicht, ab dem dritten Tag denkt man nicht mehr daran.
Wie der Skipper zu seiner Entscheidung kommt
Der Morgen an Bord beginnt mit dem Wetterbericht, meistens noch vor dem Kaffee. Geschaut wird nicht auf eine Quelle, sondern auf mehrere — und weniger auf die Windstärke allein als auf die Kombination aus Richtung, Böen, Welle und Entwicklung über den Tag.
Entscheidend ist die Windrichtung im Verhältnis zum Ziel. Wind von hinten oder schräg von der Seite ist angenehm und schnell; direkt von vorn bedeutet Kreuzen, also im Zickzack fahren und dabei die doppelte Strecke zurücklegen. Ein Ziel dreißig Meilen gegen den Wind kann acht Stunden dauern, dasselbe Ziel mit dem Wind vier.
Der zweite Faktor ist die Welle. Sie entsteht nicht dort, wo man ist, sondern über die Strecke, die der Wind ungehindert läuft — deshalb ist es im Windschatten einer Insel glatt und zwei Meilen weiter unangenehm. Für die Crew ist Welle oft der größere Stressfaktor als Wind, besonders wenn jemand zu Seekrankheit neigt.
Der dritte ist der Zielhafen: Ist er bei der erwarteten Richtung geschützt? Ein Hafen, der bei Nordwind ruhig liegt, kann bei Süd unbrauchbar werden. Genau deshalb ändert sich manchmal das Ziel, obwohl das Wetter gut aussieht.
| Faktor | Die Frage dahinter |
|---|---|
| Windrichtung | Kommt der Wind von vorn? Dann dauert es doppelt so lang |
| Windstärke & Böen | Wie viel Reserve braucht die Crew? Böen zählen mehr als der Mittelwert |
| Welle | Wie lang läuft der Wind ungehindert — und wird jemand seekrank? |
| Zielhafen | Liegt er bei dieser Windrichtung geschützt? |
| Crew | Wer ist müde, wer ist neu, wer hat gestern schon gelitten? |
- Wenn du selbst schauen willst: Windy zeigt mehrere Wettermodelle im Vergleich, Windfinder gibt schnelle Punktprognosen für einzelne Häfen. Sich morgens danebenzustellen und zu fragen „was liest du da?" ist eine der besten Fragen an Bord.
Was du als Mitsegler beitragen kannst
Du musst nicht navigieren können. Aber es gibt drei Dinge, die jeder an Bord übernehmen kann und die echten Wert haben.
Erstens: Ausguck. Nicht nur nach vorn, sondern regelmäßig rundum, und alles melden, was schwimmt. Zweitens: den Wetterbericht mitlesen, wenn der Skipper ihn anschaut — nach drei Tagen erkennst du selbst, ob der morgige Tag ein Segeltag wird. Drittens: ehrlich sagen, wie es dir geht. Ein Skipper plant anders, wenn er weiß, dass zwei Leute an Bord schon bei mäßiger Welle Probleme bekommen.
Und wenn du mehr willst: Frag, ob du steuern darfst. Auf den meisten Törns ist das ausdrücklich erwünscht, und einen Kurs eine halbe Stunde lang bei Welle zu halten, ist die schnellste Art zu verstehen, wovon in diesem Artikel die Rede ist.
- Melde, was du siehst, ohne es zu bewerten: „Boje, zwei Uhr, etwa hundert Meter" ist eine perfekte Meldung. Ob sie relevant ist, entscheidet der Rudergänger.
