RatgeberAn Bord

Ankern und Anlegen — was du dabei tust

Den ganzen Tag ist es entspannt — und dann, zwanzig Minuten vor dem Hafen, wird es plötzlich geschäftig. Anlegen und Ankern sind die einzigen Momente, in denen an Bord wirklich alle gebraucht werden, und für Einsteiger sind es die verwirrendsten. Hier steht, was in diesen Minuten passiert, was du dabei tust und warum kurz lauter geredet wird als sonst.

~7 Min. LesezeitStand Juli 2026

Warum es kurz hektisch wird — und warum das normal ist

Ein Segelboot hat keine Bremse. Es ist schwer, es reagiert träge, und sobald der Motor im Leerlauf ist, treibt es mit Wind und Strömung. Beim Anlegen bewegt sich also mehrere Tonnen Boot langsam auf etwas Festes zu, und alle Korrekturen brauchen Vorlauf. Deshalb muss in diesen Minuten alles sitzen: die Leinen bereit, die Fender draußen, jeder an seinem Platz.

Das ist auch der Grund, warum am Steg manchmal lauter geredet wird als sonst. Über zwölf Meter Bootslänge, mit Motorgeräusch und Wind, ist eine deutliche Ansage schlicht nötig. Das ist kein Anschnauzen und nicht persönlich gemeint — auch wenn es sich beim ersten Mal so anfühlen kann. Nach dem Manöver ist die Stimmung sofort wieder normal.

Der beste Beitrag, den du leisten kannst, ist nicht Kraft, sondern Aufmerksamkeit: rechtzeitig da sein, wo du gebraucht wirst, und nicht in dem Moment gerade unter Deck die Sonnencreme suchen.

⚓ Aus der Praxis
  • Wenn der Skipper „klar zum Anlegen" ruft: Schuhe an, Sonnenbrille hoch, Getränk abstellen. Barfuß auf einem nassen Vorschiff mit einer Leine in der Hand ist die häufigste Verletzungsursache an Bord.

So läuft ein Hafenmanöver ab

Fast jedes Anlegen folgt derselben Reihenfolge. Wenn du sie einmal kennst, kannst du mitdenken statt nur zuzuschauen — und weißt, was als Nächstes kommt, bevor jemand es rufen muss.

Der typische Ablauf — und was du dabei machst
WannWas passiertDeine Aufgabe
~20 Min. vorherSegel bergen, Motor anMit anpacken beim Segelbergen, dann Deck freiräumen
~10 Min. vorherFender ausbringen, Leinen klarlegenFender auf der richtigen Seite und Höhe befestigen
~5 Min. vorherSkipper verteilt die PositionenZuhören, Position einnehmen, nachfragen wenn unklar
AnfahrtBoot fährt langsam an den PlatzRuhig stehen bleiben, Leine in der Hand, nicht vorher springen
FestmachenLeinen an Land oder an MuringLeine reichen oder über den Poller legen — nicht ziehen
DanachLeinen trimmen, Strom & WasserBelegen lernen, Landstrom stecken, Müll raus

Die goldene Regel für Mitsegler: nie an einer Leine ziehen, die unter Spannung steht, und niemals eine Leine um die eigene Hand wickeln. Wenn das Boot zieht, verliert die Hand.

„Römisch-katholisch" — das Anlegen im Mittelmeer

Im Mittelmeer liegen Boote fast nie längsseits am Steg, sondern mit dem Heck zur Mole und dem Bug im Wasser. Der seemännische Spitzname dafür lautet „römisch-katholisch" — schlicht, weil es die im römischen Kulturkreis übliche Art ist. Der Grund ist Platz: So passen an eine Mole dreimal so viele Boote wie längsseits.

Der Bug wird dabei entweder vom eigenen Anker gehalten oder — häufiger — von einer sogenannten Muring: einer Leine, die am Grund festgemacht ist und deren Ende am Steg bereitliegt. Jemand an Bord holt sie auf, zieht sie nach vorn und macht sie am Bug fest. Das ist eine typische Mitsegler-Aufgabe und die einzige, bei der du garantiert nasse und schlammige Hände bekommst.

Rückwärts an einen Platz zwischen zwei anderen Booten zu fahren, ist das anspruchsvollste Standardmanöver überhaupt — ein Segelboot lässt sich rückwärts kaum lenken. Dass es beim ersten Versuch nicht immer klappt, ist Alltag, auch bei erfahrenen Skippern. Kommentieren muss das niemand.

⚓ Aus der Praxis
  • Die Muring wird nass, schlammig und riecht nach Hafen. Wenn du sie aufholst, mach das mit Handschuhen oder wasch dir danach gründlich die Hände — und fass deine helle Kleidung vorher nicht mehr an.
  • Zieh die Muring am Bug straff, bevor du sie belegst. Eine schlaffe Muring lässt das Boot ans Heck der Mole schlagen — genau das, was sie verhindern soll.

Ankern in der Bucht — der schönere Teil

Eine Nacht vor Anker ist für viele der beste Teil der Woche: kein Hafengeld, kein Nachbarboot einen Meter weiter, Wasser rundum. Der Ablauf ist ruhiger als im Hafen, aber technisch nicht weniger anspruchsvoll — nur merkt man das erst, wenn es schiefgeht.

Der Skipper sucht eine Stelle mit passender Wassertiefe und gutem Grund (Sand hält, Seegras nicht) und fährt sie langsam an. Dann fällt der Anker, und das Boot fährt rückwärts, während die Ankerkette ausrauscht. Ausgelegt wird nicht die Wassertiefe, sondern ein Vielfaches davon — als Faustregel das Vier- bis Fünffache, bei viel Wind mehr. Nur eine flach liegende Kette zieht den Anker in den Grund; eine steile zieht ihn heraus.

Zum Schluss wird geprüft, ob der Anker hält: Der Motor läuft kurz rückwärts gegen die Kette. Wer will, springt danach mit Taucherbrille ins Wasser und schaut nach — das ist die zuverlässigste Kontrolle und macht obendrein Spaß.

Was du beim Ankern übernehmen kannst
AufgabeWas zu tun ist
Ausschau am BugNach Untiefen, Bojen und anderen Ankerketten schauen und melden
Kette zählenDie Meter-Markierungen laut ansagen, während die Kette ausrauscht
LandpeilungZwei feste Punkte an Land merken — verschieben sie sich, treibt das Boot
AnkerkontrolleMit Taucherbrille nachschauen, ob der Anker eingegraben ist

Wenn dich der Skipper nachts weckt, weil der Wind gedreht hat, ist das kein Notfall, sondern Routine. Boote schwojen um ihren Anker, und manchmal muss ein Nachbarboot beobachtet oder neu geankert werden.

Die vier häufigsten Anfängerfehler

Keiner davon ist schlimm, und jeder passiert regelmäßig. Wer sie kennt, spart sich trotzdem einen unangenehmen Moment.

FehlerWarum er problematisch istStattdessen
Zu früh vom Boot springenDer Abstand ist größer, als er aussieht — SturzgefahrWarten, bis der Skipper „jetzt" sagt
Leine um die Hand wickelnBei Zug schneidet sie ein, im Ernstfall schwerLeine offen in der Hand halten, notfalls loslassen
Das Boot mit dem Fuß abhaltenMehrere Tonnen gegen ein Bein — das gewinnt das BootNur mit den Händen und nur bei ganz langsamer Fahrt
Fender zu hoch oder zu tiefSie berühren nichts und schützen nichtAuf Höhe der breitesten Stelle, kurz über der Wasserlinie
Häufige Fragen
Muss ich beim Anlegen helfen?

Ja, aber nicht mit Fachwissen — mit Aufmerksamkeit. Der Skipper sagt dir genau, wo du stehen und was du halten sollst. Wichtig ist nur, dass du rechtzeitig an Deck bist und die Anweisung befolgst, auch wenn du den Grund nicht sofort verstehst.

Was heißt „römisch-katholisch anlegen"?

Es bezeichnet das im Mittelmeer übliche Anlegen mit dem Heck zur Mole, wobei der Bug von einer Muring-Leine oder dem eigenen Anker gehalten wird. So passen deutlich mehr Boote an eine Mole als längsseits.

Ist Ankern sicher — kann das Boot nachts abtreiben?

Ein richtig gesetzter Anker hält zuverlässig. Trotzdem prüfen Skipper vor der Nacht den Wetterbericht und halten bei aufkommendem Wind Ankerwache. Wenn du nachts geweckt wirst, ist das Vorsicht, kein Notfall.

Was ist eine Muring?

Eine am Hafengrund befestigte Leine, deren Ende am Steg bereitliegt. Beim Anlegen wird sie aufgeholt, nach vorn zum Bug gezogen und dort festgemacht — sie ersetzt den eigenen Anker und hält das Boot von der Mole weg.

Wie viel Ankerkette braucht man?

Als Faustregel das Vier- bis Fünffache der Wassertiefe, bei viel Wind oder Schwell mehr. Entscheidend ist, dass die Kette flach am Grund liegt — nur dann zieht sie den Anker in den Boden statt heraus.

Am zweiten Tag machst du es mit.

Auf Einsteiger-Törns erklärt dir die Crew jedes Manöver, bevor es losgeht — und nach ein paar Häfen läuft es von selbst.

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