Zuerst das Unbequeme
Ein Segelboot bewegt sich mit Wind, das ist der Ausgangspunkt. Im Charterbetrieb sieht die Praxis aber anders aus: Wenn morgens Flaute herrscht und abends ein Liegeplatz reserviert ist, läuft der Motor. Wer eine Woche unterwegs ist und einen festen Rückgabetermin hat, segelt weniger, als es das Bild vermuten lässt.
Dazu kommen Dinge, die nichts mit Antrieb zu tun haben: Antifouling-Anstriche geben Biozide ins Wasser ab, damit nichts am Rumpf wächst. Der Bau eines Bootes bindet Ressourcen. Und der Ankerplatz, der auf dem Foto so unberührt aussieht, hat oft schon Spuren.
Das alles heißt nicht, dass Mitsegeln eine schlechte Wahl wäre — im Vergleich zu vielen anderen Urlaubsformen ist es das nicht. Es heißt nur, dass „ich segle, also bin ich umweltfreundlich" zu einfach ist. Interessant wird es bei der Frage, was du als Gast an Bord tatsächlich in der Hand hast.
Dieser Text nennt bewusst keine CO₂-Bilanz für „eine Woche Mitsegeln". Solche Zahlen kursieren, aber wir haben keine gefunden, die methodisch belastbar wäre — und eine geschätzte Zahl wäre schlechter als keine.
Seegras: der konkreteste Punkt überhaupt
Posidonia oceanica, das Neptungras des Mittelmeers, bildet Unterwasserwiesen, die tausende Jahre alt werden können. Sie binden große Mengen Kohlenstoff, produzieren Sauerstoff, halten den Sand fest und sind Kinderstube für unzählige Fische. Wenn das Wasser in einer Bucht besonders klar ist, liegt das oft an ihnen.
Ein Anker, der hineinfällt, und eine Kette, die beim Schwojen darüberschleift, reißen Furchen von vierzig bis fünfzig Zentimetern Breite. Und jetzt kommt die Zahl, die das Ausmaß begreifbar macht: Diese Wunden wachsen mit etwa einem Millimeter pro Jahr zu. Ein einziger Ankervorgang kann also Schäden hinterlassen, die noch da sind, wenn deine Enkel segeln.
Auf den Balearen ist das Ankern über Posidonia seit dem Schutzdekret von 2018 grundsätzlich verboten — erlaubt ist nur Sandgrund. Kontrollboote sind zwischen Mai und Oktober unterwegs. Allein 2024 wurden dabei rund 99.000 Ankerlieger geprüft; etwa 6.800 Schiffe mussten ihren Platz räumen. Es drohen Bußgelder.
| Woran | Wie es geht |
|---|---|
| Farbe im Wasser | Sand ist hell und leuchtet türkis. Seegras erscheint als dunkler, oft fast schwarzer Fleck |
| Vor der Bucht | Satellitenbild ansehen — Sandflächen sind darauf klar von dunklen Wiesen zu unterscheiden |
| Apps | Für die Balearen zeigen Karten-Apps wie PosidoniaMaps die geschützten Flächen |
| Beim Ankern | Den Schwojkreis mitdenken: Dreht der Wind, überstreicht die Kette einen ganzen Kreis, nicht nur einen Sektor |
| Alternative | Wo Bojenfelder liegen, diese nutzen — sie ersetzen den Anker genau deshalb |
- Als Mitsegler entscheidest du den Ankerplatz nicht — aber du kannst am Bug stehen und melden, was du siehst. „Da unten ist es dunkel" ist ein nützlicher Hinweis, und die meisten Skipper nehmen ihn dankbar an.
Abwasser: die Lücke zwischen Regel und Wirklichkeit
Moderne Yachten haben einen Fäkalientank, in dem das Abwasser der Bordtoilette gesammelt wird. Die Idee ist, ihn an Land abzupumpen. Die Realität sieht in weiten Teilen des Mittelmeers anders aus: In Kroatien und Griechenland gibt es kaum Absauganlagen, sodass in der Praxis meist nur bleibt, den Tank in ausreichendem Abstand zur Küste auf offener See zu leeren.
Die Türkei ist strenger: Dort sind Tanks vorgeschrieben, Absaugboote kommen bis in die Buchten, und die Küstenwache kontrolliert. In Buchten zu lenzen, kann teuer werden.
Für dich an Bord heißt das vor allem eines: In der Bucht und im Hafen bleibt der Ventilhahn zu. Das ist keine Formalie — in einer belegten Ankerbucht schwimmen abends Menschen im selben Wasser. Frag am ersten Tag, wie es auf eurem Boot gehandhabt wird; die Antwort sagt viel über den Skipper.
Was du an Bord selbst entscheidest
Die folgenden Dinge kosten nichts, verlangen keine Diskussion mit der Crew und wirken trotzdem — weil sie sich über acht Personen und sieben Tage summieren.
| Womit | Warum es zählt |
|---|---|
| Sonnencreme ohne Oxybenzon und Octinoxat | Diese UV-Filter stehen im Verdacht, Korallen und Meeresorganismen zu schädigen. Mineralische Filter sind die Alternative |
| Sparsam duschen | Der Wassertank fasst je nach Boot 200–500 Liter für die ganze Crew. Wer spart, spart auch Hafenanläufe zum Auffüllen |
| Feste Seife statt Plastikflaschen | Weniger Verpackung, kein Auslaufen im Seesack, weniger Müll, den ihr auf einer Insel entsorgen müsst |
| Müll mitnehmen bis zur nächsten Marina | Auf kleinen Inseln endet Müll oft ungetrennt — größere Häfen haben die bessere Infrastruktur |
| Keine Glasflaschen an Bord | Praktisch und ökologisch: Sie klirren, rollen, brechen — und Scherben in der Bilge holt niemand mehr heraus |
| Nichts über Bord, auch nichts Organisches | Obstschalen brauchen im Salzwasser lange, und in einer Ankerbucht treibt alles zurück ans Ufer |
Der größte Hebel liegt vor dem Törn
Der Posten, den du am stärksten beeinflusst, ist die Anreise — und zwar bevor du überhaupt an Bord gehst. Ein Flug von 10.000 Kilometern verursacht laut Umweltbundesamt rund 2,4 Tonnen CO₂-Äquivalent pro Person. Das ist eine Größenordnung, gegen die sich an Bord kaum etwas ausgleichen lässt.
Für europäische Reviere gibt es Alternativen, die tatsächlich funktionieren: Kroatien ist über Nacht mit dem Zug erreichbar, Italien und Südfrankreich sowieso. Wer statt Athen ein Revier in Bahnreichweite wählt, spart mehr als jede Sonnencreme.
Und dann gibt es den Punkt, über den selten gesprochen wird: Die Ostsee ist ein hervorragendes Segelrevier. Kürzere Anreise, kürzere Saison, anderes Licht — aber ein Törn dort ist in der Bilanz nicht mit einem Karibikflug zu vergleichen.
- Wenn du fliegst: Ein längerer Törn ist pro Reisetag besser als zwei kurze. Die Anreise fällt einmal an, egal ob du eine oder zwei Wochen bleibst.
Was wir als Plattform dazu beitragen — und was nicht
Wir vermitteln Reisen, bei denen Menschen ans Mittelmeer fliegen. Es wäre unredlich, das als Umweltprojekt zu verkaufen. Was wir tun können, ist begrenzt und trotzdem nicht nichts.
Mitsegeln teilt ein Boot auf acht Menschen auf, statt es für zwei zu chartern — das ist der Kern des Formats und ökologisch die bessere Auslastung. Unsere Revierseiten zeigen auch Ziele in Bahnreichweite, nicht nur Fernreviere. Und dieser Text sagt offen, wo die Grenzen liegen, statt ein Siegel zu erfinden.
Was wir nicht tun: CO₂-Kompensation gegen Aufpreis anbieten, mit einem selbst vergebenen Nachhaltigkeitslabel werben oder Zahlen behaupten, die wir nicht belegen können. Wenn sich daran etwas ändert, steht es hier.
Wenn dir an Bord etwas auffällt, das besser ginge — schreib uns. Ein Hinweis aus der Praxis ist mehr wert als ein Kapitel mehr in diesem Text.
